Eine tiefe Freundschaft ist entstanden

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Paul Wiebe und Susanne Merlo sind gerne gemeinsam in der Natur.
Paul Wiebe kam mit einer geistigen Beeinträchtigung zur Welt. Durch den Besuchs- und Begleitdienst des Aargauer Roten Kreuzes lernte er die Freiwillige Susanne Merlo kennen. Was vor fünf Jahren mit einem ersten gemeinsamen Ausflug begann, ist heute eine tiefe Verbundenheit.

Fricktal – Es ist ein kühler Morgen. Der Nebel liegt noch dick über der Fricktaler Landschaft. Die Hühner beim Rötihof in Zuzgen gackern, die Katzen lugen neugierig aus ihrem Versteck. Aus dem Hühnerstall kommt Paul Wiebe gelaufen. Es ist einer seiner Lieblingsorte auf dem Bauernhof. Wach ist er schon lange, schliesslich füttert er jeden Tag vor dem Morgenessen die Kühe.

Der 49-Jährige zog vor 24 Jahren zur Familie Pfarrer, seiner Pflegefamilie, auf den Rötihof. Das über 200 Jahre alte Wohnhaus ist seither sein Zuhause. Er lebt dort in einem betreuten Arbeitsverhältnis. Paul Wiebe kam mit einer geistigen Beeinträchtigung zur Welt. Als er 14 Jahre alt war, verliess seine Mutter mit ihm und seiner Schwester Ostdeutschland und kam nach Liestal. Seine beiden älteren Brüder blieben noch eine Zeit lang beim Vater. Es folgten schwierige Jahre für den noch jungen Mann. Doch seit er Teil der Familie Pfarrer ist, hat sein Leben eine gute Wendung genommen.

Seit fünf Jahren darf er ausserdem auf die Freundschaft von Susanne Merlo zählen. Sie ist Freiwillige im Besuchs- und Begleitdienst des Aargauer Roten Kreuzes und unternimmt mit Paul Wiebe regelmässig Ausflüge. «Schifffahren, Messen besuchen, an die Fasnacht gehen… Wir haben schon vieles unternommen», erzählt die 65-Jährige aus Möhlin.

«Er ist Teil meines Lebens geworden»

Für Rita Pfarrer war es wichtig, dass Paul Wiebe an den Wochenenden seine Freizeit auch geniesst. «Wenn es nach ihm ginge, würde er auch samstags und sonntags arbeiten. Aber es tut ihm gut, rauszukommen. Und für uns ist es auch erholsam», so Rita Pfarrer (77), die ergänzt: «Wir sind sehr dankbar und froh über das Engagement von Susanne. Sie hat tolle Ideen und unternimmt viel mit Paul.»

Auch für Susanne Merlo, die seit 2016 als Freiwillige im Besuchs- und Begleitdienst im Einsatz steht, sind die Treffen mit Paul Wiebe eine Bereicherung. «Es ist schön zu erleben, wie er sich mir immer mehr öffnet. Ich habe ihn gern bekommen und er ist Teil meines Lebens geworden», sagt die diplomierte Pflegefachfrau und Hebamme.

Etwas darf bei den Ausflügen nie fehlen

Die starke Verbindung zwischen Susanne Merlo und Paul Wiebe ist am Tisch deutlich spürbar. Sie glaubt an seine Fähigkeiten und teilt ihm das auch immer wieder mit. «Er kann viel mehr, als er glaubt», sagt sie während des Gesprächs mehrmals. Am meisten mag sie an ihm seine Offenheit und seine unkomplizierte Art. Und was schätzt Paul Wiebe an Susanne Merlo? «Alles», so seine Antwort.

Bei den Ausflügen berücksichtigt Susanne Merlo die Wünsche von Paul Wiebe. In der Regel habe er jedoch keine und freue sich auf alles, was kommt. Eines darf aber nicht fehlen, wie Susanne Merlo lachend erzählt: «Ich habe gelernt, dass ihm ein ‹Zvieri› sehr wichtig ist.» Paul Wiebe nickt und lacht auch. Sie weiss zudem, dass er sich auf die Basler Herbstmesse jeweils sehr freut. «Er liebt das Riesenrad, durch die Stände zu schlendern oder auch mal bei den Wurfspielen zu versuchen, etwas zu gewinnen», so Susanne Merlo. Wichtig sei auch, dass sie Rückzugsorte schaffe, in denen es weniger hektisch zu- und hergehe.

Gemeinsame Zeit lässt ihn aufblühen

Auch an seinen freien Tagen schaue er auf seine Uhr, im Wissen, dass jetzt die Hühner in den Stall sollten. «Dann muss ich ihn erinnern, dass er heute nicht arbeiten muss und dass das bestimmt jemand anderes macht. Er ist sehr pflichtbewusst», weiss Susanne Merlo und ergänzt: «Es ist wichtig für ihn, dass ihm jemand zuhört. Ich nehme ihn ernst und hole ihn dort ab, wo er im Moment steht», so die Freiwillige. Rita Pfarrer ist begeistert vom Engagement von Susanne Merlo: «Es sollte viel mehr Menschen wie sie geben, die sich so um andere kümmern.»

Betagte oder alleinstehende Menschen mit einer Beeinträchtigung wünschen sich oft mehr soziale Kontakte oder sind ausser Haus auf eine Begleitperson angewiesen. Freiwillige des Besuchs- und Begleitdienstes des Aargauer Roten Kreuzes helfen Menschen, die ihr soziales Netzwerk erweitern möchten oder die sich für Besorgungen und Freizeitaktivitäten eine Begleitung wünschen. www.srk-aargau.ch/besuchs-und-begleitdienst